Verachtung und Tradition

Tätä, tätä, tätääääää…

Et is widder sowwaaaiiit – Fastelovend, Karneval, dreimol Kölle Alaaf!!!

Keine Sorge, der Dialekt ist nicht ansteckend, den hole ich auch nur raus, wenn ich mal wieder meine Rheinblütigkeit unter Beweis stellen muss. Mir glaubt das nämlich kein einziger Vollblutkarnevalist, weil ich als äscht Kölsch Mädsche zu dieser traditionsreichen fünften Jahreszeit normalerweise absolut euphorisch und mit wehenden Fahnen … verreise.

Ach Karneval, ach Karneval, irgendwie war ich nie dein größter Fan.

Es gibt natürlich diese bewundernswerten Ganzjahres – Karnevalesen, die sich unglaublich Mühe machen, schon Wochen vorher anfangen zu nähen, zu basteln, um nachher so etwas ausdrucksstark – monströses wie Giraffe Marius in Lebensgröße, mit einem im Hals steckenden Hackebeil zu produzieren. Da können die Pussy Riot Doubles ihre Pudelmützen aber sofort einpacken. Oder dieser unfassbar riesig fedrige Pappmaché Angry Bird mit einem Durchmesser von drei Metern fuffzisch. Wahnsinn. In einem Jahr hatte ich allerdings auch einmal eine sehr traumatisierende Begegnung mit einem Lehrer meiner alten Schule. Er hatte ganz nonchalant eine echte, sehr große MÜLLTONNE an!!! Eine Bio – Tonne, denn er war ja – Achtung! – Biolehrer… Tätä, tätä, tätääääääää.

Aber ganz ehrlich, kreative Verkleidung ist toll, da will ich gar nichts gegen sagen, aber bei Ringelshirt und Herzchen auf der Wange, Kapitänsmütze oder Cowboyhut zur Alltagsjeans, muss der Alkoholpegel schon in Mach3 steigen, um den Kreativitätstiger in sich zu rauszulassen.

Ach herrje, ich habe wieder mal nur Vorurteile. Ich Karnevals – Nazi. Aber muss ich denn unverständlich grunzenden Polyester – Kühen, die um 10h morgens so eine Fahne haben, dass mir im Vorbeigehen die Milch im ökologisch korrekten Jutebeutel gerinnt, auch noch einen Preis für den lyrischsten Rülpser des Vormittags verleihen?!

Meine liebsten Fresserlein, bevor ihr entsetzt mit dem Finger auf mich engstirnige Antikarnevalistin zeigt, sei euch gesagt, dass in diesem Jahr alles anders ist. Naja, fast. Ich bin immerhin da. Und wenn ich schonmal da bin, dann können auch gleich alte Traditionen wiederbelebt werde. Ganz alte. Nein, keine artifiziell bunte alkoholische Vorhölle am Vormittag, sondern Urgroßmutters Karnevalsgebäck.

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Tatsächlich ist das Rezept links von der Mutter meiner Oma. Meine Großtante hat es rechts später für sich nochmal leicht modifiziert aufgeschrieben.

Bei so viel haptischem Zeitgeist, habe ich die Originalrezepte natürlich weit weg vom siedenden Fett vergraben, habe ein bisschen experimentiert, und meine eigene Version kreiert. Vielleicht überlebt die ja auch ein paar Jahrzehnte.

MUTZEN/MU(U)ZEN

Für ca 40 Stück: 250g Mehl, 2 Eier, ein Eigelb, 50g Puderzucker, abgeriebene Schale einer Zitrone, Saft einer halben Zitrone, 2 TL Backpulver, 2 EL Rum, Puderzucker zum Bestäuben, 750g Pflanzenfett (z.B. Biskin)

P1050112Alle Zutaten in der Küchenmaschine, sonst mit dem Handrührgerät, gründlich verrühren. Den Teig am besten in mehreren Teilen auf einer bemehlten Arbeitsfläche dünn ausrollen, und mit einem gezackten Backrädchen Rauten oder Dreiecke „ausrädeln“ – größere, kleinere, schmale, dicke.

Das Fett in einer hohen Pfanne oder einem hohen Topf zerlassen. Einen Holzlöffel umgedreht in das heiße Fett stellen, wenn sich Blasen am Stiel bilden ist es heiß genug. Dann je nach Größe 3 bis 6 Rauten im Fett schwimmend ausbacken. Das geht SEHR SCHNELL! Sobald der Teig aufgebläht und leicht gebräunt ist, die Rauten mit einer Schöpfkelle herausnehmen, auf Küchenpapier legen und abtropfen lassen. Zum Schluss alle Teigecken kräftig mit Puderzucker bestäuben.

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Noch zwei Dinge: flüssiges Fett ist wirklich extrem heiß und macht fiese Blasen, da kann ich ein Lied von singen. Nein, kein Karnevalslied, also aufpassen! Die Mutzen schmecken lauwarm und kalt, und lassen sich am besten in Blechdosen lagern.

Kulinarische Tradition hin oder her, endlich raus aus den fettstinkigen Klamotten und rein ins… Kostüm! Die nächste alte, neue Tradition: ich habe mir ein Kostüm ausgedacht und sogar ein bisschen daran gebastelt. Zuerst wollte ich eine coole Comicfigur werden, dann dachte ich aber, nee, ist doch doof, und habe mich für etwas kulinarisches entschieden. Natürlich. Was denn auch sonst?!

Dieses Kostüm werde ich nun also mit Grandezza tragen, und wenn ihr eine majestätisch stolpernde Erdbeere nach „Kammmmelllleeeeeeeeee“ schreien hört, dann habt Nachsicht mit dieser Anfänger – Traditionalistin. Alaaf!

Tätä, tätä, tätäääääääääää…

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Dieser Beitrag wurde am 3. März 2014 um 21:41 veröffentlicht. Er wurde unter Essen, Hochmut, Kekse/Plätzchen, Kuchen abgelegt und ist mit , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „Verachtung und Tradition

  1. christine marzen sagte am :

    Wunderbar – Du bist wieder da! Gerne hätte ich ein Bild von der „Erdbeere“ gesehen!! Mutzen gab es bei der Stürmer-Oma eher seltener – eher Heringsschlot! Für no dem Rosenmontagszoch. Da komen neben dem Fesch och Rohnen erinn. Un Walnüss un Jurken un Äpel. Un dann kom der Ahl vom Zoch, un mot esens dä Rausch usschlofe… Ich han dann mit dä Mam in dä Küch jesesse un mer han der Heringsschlot jejesse!!!

    Kölle Alaaf – Dein Perlhuhn auf dem spaßbefreiten München!

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